„Dies ist unsere Freiheit
die richtigen Namen nennend
furchtlos
mit der kleinen Stimme
einander rufend
mit der kleinen Stimme
das Verschlingende beim Namen nennen
mit nichts als unserem Atem.“
Hilde Domin, Salva nos, 2
Gedächtnisfeier zum vierzigsten Todestag von Neda Agha-Soltan
Ihr Tod machte sie zur Ikone des Protests. Die junge Iranerin liebte das Reisen und nahm Gesangsstunden. Neda Agha-Soltan wurde am 20. Juni durch den Pistolenschuss eines Bassij-Milizen getötet. Über die Zahl der Toten an diesem Tag gibt es keine zuverlässigen Informationen. Man befürchtet eine dreistellige Zahl ermordeter Demonstranten an diesem schwarzen Samstag. Am 19. Juni versuchte der höchste religiöse Führer Ayatollah Chamenei im Freitagsgebet den Demonstranten Angst einzujagen. Er warnte Demonstranten ernsthaft davor, weiter auf die Straße zu gehen. Dabei waren für Samstag Großdemonstrationen angekündigt.
Neda Agha-Soltan, eine 27-jährige Philosophiestudentin aus Teheran, war eine von den Demonstranten. Sie starb, nachdem sie von der Kugel eines Bassij-Milizen ins Herz getroffen wurde. Die Kugel ist wohl im Brustkorb der Frau explodiert, so dass sie in weniger als zwei Minuten tot war. Die Bilder der blutenden jungen Frau schockierten die ganze Welt. Ihr trauriger Tod vor den Augen der Welt hat sie zur Symbolfigur des Wiederstandkampfes im Iran gemacht.
Es gab kein Begräbnis, wie es einer Heldin zugestanden hätte: Als Neda Agha-Soltan am Sonntag, den 21. Juni, auf Teherans Behescht-Zahra-Friedhof beigesetzt wurde, gab es keine Predigt und keine Ansprache. Kein Imam feierte den üblichen Gottesdienst in einer Moschee, kein Verwandter pries ihre Verdienste zu Lebzeiten, wie es die Tradition verlangt. Familie und Freunde trauerten in Stille um die junge Frau. Ihre Eltern hatten ihren Vornamen gut gewählt: „Neda“ ist das persische Wort für „Stimme“, aber auch für „Ruf“. Die erstickte Stimme wurde zu einem schallenden Ruf durch die Finsternis!
Arash Hejazi, studierter Mediziner, Autor und Freund von Schriftsteller Paulo Coelho ist der Mann, der vergeblich versuchte, Neda zu retten. Er sagt der Londoner „Times“: »Ich blickte sie an, Blut strömte aus ihrer Brust. Sie schaute auf die Wunde, legte die Hand darauf. Befremden stand in ihrem Gesicht. Dann verlor sie das Bewusstsein. Ich drückte auf die Wunde, um das Blut zu stoppen – aber da war nichts mehr zu machen. Sie sagte kein einziges Wort mehr. Sie starb in meinen Händen.«
Arash Hejazi, studierter Mediziner, Autor und Freund von Schriftsteller Paulo Coelho ist der Mann, der vergeblich versuchte, Neda zu retten. Er sagte der Londoner „Times“: »Ich blickte sie an, Blut strömte aus ihrer Brust. Sie schaute auf die Wunde, legte die Hand darauf. Befremden stand in ihrem Gesicht. Dann verlor sie das Bewusstsein. Ich drückte auf die Wunde, um das Blut zu stoppen – aber da war nichts mehr zu machen. Sie sagte kein einziges Wort mehr. Sie starb in meinen Händen.« Der Arzt sah auch Nedas Killer: »Ein starker Mann auf einem Motorrad. Ich hörte, wie er rief: ‚Ich wollte sie nicht töten‘.« Aus Furcht um sein Leben floh Hejazi aus dem Iran nach England. »Ich kann die Szenen nicht vergessen.« Sein einziger Trost: Neda starb nicht vergebens.
Meningitis, die häufigste Todesursache der Gefangenen
Im Iran wurde allein in dieser Wochen der Tod weiterer sechs Protestler bekannt gegeben.
Mohsen Rohul-Aminis Leiche wurde am 25. Juli zur Bestattung freigegeben. Sein Vater sagte, dass Mohsen gestorben sei, nachdem er schwer gefoltert wurde. Mohsens Vater zufolge sei sein Kinn gebrochen gewesen und nachdem er tagelang geblutet hätte, habe er Meningitis bekommen und sein als Folge davon gestorben.
Ramin Ghahremani wird durch eine Überwachungskamera einer Bank erkannt. Die Sicherheitskräfte klopfen wenig später an die Tür. Dort, weil sie Ramin nicht treffen, sagen sie der Mutter: Ihr Sohn muss mal bei uns vorbeischauen. Am Tag danach geht Ramin mit seiner Mutter zur Klärung. Dort wird er verhaftet. Drei Tage später wird er frei gelassen. Zwei Tage später stirbt er in den Armen seiner Mutter. Er soll gesagt haben, man hätte ihn drei Tage lang an den Füßen aufgehängt.
Amir Javadifar, ein verhafteter Demonstrant, starb in Evin. Es kann nicht bestätigt werden, ob er unter Folter starb. Seiner Familie wurde aufgefordert, seinen Leichnam am Sonntag abzuholen. Er war 24 und Student an der Qazvin’s Azad Universität.
Ramin Ramezani, ein iranischer Soldat, der sich im Urlaub befand, wurde am selben Tag wie Neda Agha Soltan durch drei Kugeln erschossen. Die Familie musste aber einen Monat lang nach ihm suchen, bis sie von seinem Tod erfuhr. Er wurde am 21. 07 unter strengster Überwachung und in aller Stille begraben.
Es gibt Berichte, dass zwei weitere Gefangene, Mojtaba Samenezhad und Amir Jalalie, unter der Folter im Evin-Gefängnis gestorben sind. Gestern wurde auch bekannt, dass zwei weitere Demonstranten, Hossein Akhtarzand in Esfahan und Saeed Abasi, im Juni schon auf der Straße erschossen wurden. Trauerfeiern durften nicht stattfinden.
Die Gefängnisse im Iran sind durch den explosionsartigen Anstieg von Gefangenen zu einer Brutstätte für Infektionskrankheiten geworden. Das Gesundheitsministerium berichtete in den letzten Tagen, dass mindestens 2000 Injektionen an Gefängnisse in allen Teilen des Irans geschickt wurden. Mindestens zwei Gefangene sind bisher in der Haft an Meningitis gestorben. Die Familien von Demonstranten, die gestorben oder schwer verletzt sind, nachdem sie in Evin gefoltert wurden, bekommen ihre Angehörigen oder ihre Leichen nur dann zurück, wenn sie sich verpflichten, keine Beschwerde gegen das Gefängnis einzureichen.
Aktionsbündnis für Demokratie im Iran – Heidelberg
Kontakt: freeiran.heidelberg@gmail.com – http://iranetehad.blogspot.com